Biografie

Edwin Scharff

Selbstporträt, 1919, Öl auf Leinwand, 78,5 x 65 cm
Bildnis des Malers Max Liebermann, 1924, Bronze auf Steinsockel, 29 x 19 x 23,5 cm
Hockende, 1926-1928, Marmor, 119 x 75,5 x 71 cm
Marienthaler Türe, 1945/49, Bronze, 312 x 202 cm

Edwin Scharff wird 1887 in Neu-Ulm geboren. Die junge Garnisonsstadt an der Donau ist zu dieser Zeit geprägt vom Militär. Als 15jähriger kehrt er der Stadt den Rücken, um in der Kunstmetropole München Malerei zu studieren. Der Bayerische Staat zeichnet ihn am Ende seiner Ausbildung mit einem Reisestipendium aus.
Scharff reist nach Paris, Madrid und Toledo und schließlich nach Italien. Er kopiert Werke von Grünewald, El Greco und Velazquez und skizziert seine Reiseeindrücke. Florenz öffnet ihm die Augen für die großen Bildhauer der Renaissance. Nach München zurückgekehrt, entstehen unter dem Eindruck der Reise große Gemälde mit auffallend plastisch modellierten Figuren. Bald stellen sich erste Ausstellungserfolge ein. Vor allem die Brücke von Toledo wird lobend in der Presse erwähnt. Die ersten Jahre als freier Künstler sind geprägt von selbstkritischer Reflexion des eigenen Schaffens. Ab 1912 entstehen vermehrt Skulpturen. Angeregt vom Menschenbild der Antike, modelliert er 1913 die Großskulptur Junger Athlet. Sie ist im Innenhof des Museums aufgestellt.
Der Erste Weltkrieg durchkreuzt die Pläne des jungen Scharff. Nachdenklich malt er sich im Selbstporträt als Soldat. Aus privatem Anlass modelliert er 1914 eines seiner frühesten Bronzeporträts: Es verewigt seinen Bruder Alfred, der im selben Jahr in Frankreich fällt. Auch Edwin Scharff wird im Krieg schwer verwundet, ein Jahr verbringt er im Lazarett. Seine Bilder von 1914 bis 1917 nehmen in ihren dynamischen, strahlenförmig gebrochenen Farbfeldern deutlich futuristische Züge an. Diese Tendenzen sind auch in der Plastik, etwa in der Badenden von 1914, wahrnehmbar.
Das letzte Selbstbildnis Scharffs datiert aus dem Jahr 1919. Im selben Jahr heiratet er die erfolgreiche Schauspielerin Helene Ritscher. Es entstehen Gemälde, Skulpturen und Graphiken zum Motiv Liebespaar. Nach der Geburt des ersten Kindes kommt das Thema Mutter und Kind hinzu. In der Nachkriegszeit wendet sich Scharff insbesondere dem Porträt zu. Bestechend knapp charakterisiert er den Freund Heinrich Mann in einer Bronzebüste von 1920. Im selben Jahr erscheint die erste Monographie und belegt die gewonnene Anerkennung.
1923 wird Scharff als Professor nach Berlin berufen, das inzwischen München als Kunstmetropole abgelöst hat. Er porträtiert die tonangebenden Künstler Max Liebermann und Lovis Corinth und wendet sich vermehrt Denkmalsentwürfen zu. Neben Bronzeplastiken arbeitet Edwin Scharff in den zwanziger Jahren mehrere Skulpturen in Marmor, so die Pastorale, die Hockende sowie die Parze, die zum Teil denkmalhaften Charakter gewinnen. Letztere sind als Dauerleihgabe im Museum ausgestellt. Die Berliner Jahre sind für Scharff eine künstlerisch außerordentlich erfolgreiche Zeit. So erhält er 1926 den ehrenvollen Auftrag, eine Büste des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg zu fertigen.
1927 wird er zum stellvertretenden Präsidenten des Deutschen Künstlerbundes gewählt. Für diesen entwirft er 1929 das Signet der Drei Männer im Boot, ein vieldeutiges Leitmotiv seiner Kunst. Als Großskulptur ist sie am Schwanenwik in Hamburg und auf dem Neu-Ulmer Rathausplatz verwirklicht worden.
In den zwanziger und dreißiger Jahren widmet sich Scharff bevorzugt Denkmalsentwürfen. Er nimmt an dem Wettbewerb für ein Heinrich-Heine-Denkmal in Düsseldorf teil und entwirft das Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs auf der Neu-Ulmer Donauinsel, das 1932 eingeweiht wird.
Die Preußische Akademie der Künste beruft ihn 1931 gemeinsam mit Otto Dix, Ernst-Ludwig Kirchner, Emil Nolde u. a. zu ihrem Mitglied. Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten wird Edwin Scharff 1933 an die Staatliche Kunstakademie Düsseldorf zwangsversetzt. Seine Werke sind 1937 in der Ausstellung Entartete Kunst zu sehen. Der Künstler wird zwei Jahre später zwangsweise in den Ruhestand entlassen.
1940 erfolgt der Ausschluß aus der Reichskammer der Bildenden Künste. Scharff erhält absolutes Arbeitsverbot. Trotz Verbots arbeitet der Bildhauer weiter, unterstützt von Pfarrer Augustinus Winkelmann. Für dessen Kirche in Marienthal bei Wesel fertigt er einen Taufstein und ein Predigtpult. Kurz vor Kriegsende verwüstet eine SS-Truppe sein Atelier. Zahlreiche Gipsmodelle, die noch nicht in Bronze gegossen waren, gehen verloren.
Nach Kriegsende erhält Scharff eine Professur an der Landeskunstschule Hamburg. In den folgenden Jahren führt er die Marienthaler Kirchentüre aus, die eine Renaissance moderner Bronzetüren bewirkt. Ein Zweitguss ist im Museum vorhanden. Er verwirklicht großformatige Arbeiten wie das Relief Ruth und Boas oder die Nackte Pandora, die er posthum seiner Geburtsstadt vermacht. Eingehend widmet er sich der Neugestaltung des Hamburger Jungfernstiegs, deren Verwirklichung der Tod Edwin Scharffs am 18. Mai 1955 verhindert.

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