KUNSTMUSEUM

Neben den Ständigen Ausstellungen zu Edwin Scharff und Ernst Geitlinger legen wir den Schwerpunkt in mehreren Sonderausstellungen pro Jahr auf die Klassische Moderne, also das ausgehende 19. und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts - und das immer wieder mit dem Augenmerk auf der Bildhauerei. Damit erweitern und ergänzen wir den Blick auf das Werk Edwin Scharffs.
Zugleich zeigen wir ab und an aktuelle künstlerische Positionen und spannen damit einen Bogen zur Gegenwart.
Mit dem Bildhauer Scharff und dem etwa gleichaltrigen Maler Geitlinger konfrontieren wir eine figürliche Kunstauffassung mit Tendenzen ungegenständlicher und konkreter Kunst.

Heimwerk

Heiner Hepp

23. Oktober bis 28. November 2004

Irritierend belanglos – so mögen einem Heiner Hepps Arbeiten auf den ersten Blick erscheinen. Sie besitzen etwas derart Alltägliches, dass schon die Bezeichnung „Skulpturen und Objekte" merkwürdig aufgesetzt erscheint. In der Tat haben Hepps Arbeiten nichts von dem, was Kunst gemeinhin anhaftet. An Banalität des Materials sind sie kaum zu überbieten: Sie locken nicht mit wertvoller Bronze oder pathetischem Eisen, werben nicht durch edle Furniere oder bewußt ursprünglich belassene Holzstämme, sie machen sich auch nicht durch archaisch-organische Materialien wie etwa Fett oder Horn interessant. Schlicht Spanplatten, Lichtwellbahnen und Kunststoffrohre sind der Rohstoff des Bildhauers. Die Aura der Kunst besitzen diese Materialien nicht. Da ist nichts, was sich wichtig macht oder dezidiert Bedeutung einfordert. 

Diese Unaufdringlichkeit des Materials setzt sich in den Arbeiten fort. Nichts Spektakuläres ist ihnen eigen, im Gegenteil: Sie scheinen nicht um ihrer selbst willen geschaffen, sondern einem Nutzen verpflichtet. Große, schmale Behältnisse, überdimensionierte Verbindungsstücke, Halterungen von unterschiedlichster Form und rollbare Kleinteile - ihr Zweck, so der erste Eindruck, mag sich nicht sofort erschließen, aber es steht außer Zweifel, dass sie einem solchen dienen. Dies suggerieren auch die Titel. EINRAD/PLATTE, ZWEIRAD/ACHSE, 26ELEMENTE/KREISDRAINAGE – lapidar zählen sie die einzelnen Bestandteile auf; genauso knapp und umstandslos wie der Produktkatalog eines Bau- oder Möbelsystems etwa die verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten seiner Einzelelemente auflistet. 

Heiner Hepp weiß um die Lakonik, die seinen Arbeiten innewohnt. Nicht umsonst betitelt er sie schlicht und zugleich hintersinnig mit „Heimwerk“. Das erinnert an mit großem Ernst betriebene Heimwerkerarbeit, an mit Sägen, Bohren und Hämmern verbrachte Feierabende und Wochenenden, stets mit dem Ziel vor Augen, den Unzulänglichkeiten der eigenen vier Wände abzuhelfen, dadurch Ordnung zu schaffen oder das Zuhause zu verschönern. Heimwerk – darin schwingt etwas von Zufriedenheit auf das Selbstgeschaffene mit, von Stolz auf die pfiffige Lösung eines störenden Problems etwa oder einfach von Freude an der soliden, sauberen Ausführung. Ohne Scheu vor dem Geruch des Spießertums nähert sich Hepp der sehr deutschen Disziplin des Do-it-yourself. Sein Material stammt vollständig aus dem Eldorado des Heimwerkers, dem Bau-markt. Wo in meterlangen Regalschluchten dicht an dicht Tischler- und Rigips-platten lehnen, wo eine Überfülle an Hämmern, Sägen, Schleif- und Bohrma-schinen, an Schrauben, Dübeln, Winkeln und Haken sich geradezu zum Urgrund allen konstruierbaren Seins fügen, da sucht auch Heiner Hepp nach Spanplatten in der passenden Stärke, prüft die Qualität der Lichtwellbahnen oder begeistert sich an der ausgeklügelten Form eines Spachtels. 

Was er letztlich auswählt, zeugt angesichts des überbordenden Materialangebots von bewusster Beschränkung. Hepp breitet keine Materialflut vor uns aus, schwelgt nicht in immer neuen Werkstoffen. Nicht der Vielfalt gilt sein Interesse, sondern der materialgerechten Verwendung weniger Werkstoffe. Spanplatten, wie sie als Verlegeplatten für den Fußboden oder auch mal im Innenausbau Verwendung finden, sind dabei sein wichtigstes Material. Auf Grund seiner Eigenschaften – Span biegt und verzieht sich nach der Bearbeitung nicht – mag es hochfunktional sein. Doch das Recyclingmaterial aus zerschreddertem Abfall-holz, Sägemehl und Leim ist alles andere als ein „Hingucker". Die kleinteilige Oberfläche bietet dem Auge keinerlei Halt und Abwechslung; Span ist vielmehr so unscheinbar, dass er kaum als eigenständiges Material wahrgenommen wird. 

Nicht viel anders verhält es sich mit den durchscheinenden Lichtwellbahnen, stabilem Wellpolyester, das gewöhnlich zu Schutzdächern oder Windfängen verarbeitet wird. Dazu fügt Hepp sogenannte Leerrohre aus Kunststoff. Wie die Lichtwellbahnen sind auch sie gleichmäßig gewellt, jedoch elastisch, was eine gemäßigte Dynamik bewirkt. Vor allem aber bringen die Rohre Farbe ins Spiel. Sie sind in matten Blau-, Rot-, Grün- und Gelbtönen gefertigt, wobei Farbe und Durchmesser der Rohre abhängig sind von ihrer Verwendung. Sie dienen zum Schutz von Gas- oder Wasserleitungen oder von Strom-, Telefon- und Fernseh-kabeln. Auch hier gibt es also keine schmückende Zutat: Die Farbe bezeichnet die Funktion, sie steht einzig unter dem Diktat der Nützlichkeit. 

Eine Art „Readymade" sind die Schubkarrenräder, die Hepp zuweilen mit seinen Grundmaterialien kombiniert. Der schwarze Gummireifen mit der roten Kunststofffelge ist nicht nur schön in seiner einfachen formalen und farblichen Gestaltung, er impliziert auch die Möglichkeit von Bewegung und eröffnet damit komplexe Gestaltungsspielräume.

Spanplatten, Lichtwell, Kunststoffrohre und Räder - diese Massenartikel sind für einen klaren Zweck geschaffen. Stets verweisen sie über sich hinaus auf die Funktion, der sie als Konstruktionsmittel dienen. Aber zu was sind Arbeiten wie AUSSCHNITT/WIPPHORN, WINKEL/RÖHRE oder TROMMEL/INNENDRAINAGE eigentlich nutze? Kein Zweifel: Eine Arbeit wie MULDE/AUFBAU dient der Aufbewahrung von Dingen. Allerdings befremdet die merkwürdig schräge Lagerung des Behälters, der auf eine Schubkarrenmulde aufgesetzt ist, mehr noch seine unpraktische Größe, die zu hoch ist, um bequem etwas hineinzuwerfen oder herausholen zu können. Das Motiv des Behälters taucht im Werk von Heiner Hepp immer wieder auf. Fröhlich-verspielt klingt es etwa in SCHÜTTE/AB-SCHNITTE an, einer Skulptur, die beispielhaft die Nutzung einer Warenschütte vorführt, wie sie für Sonderangebote als Wühlkorb Verwendung findet. Doch der Nutzen des Gefäßes ist auch hier relativ. Es ist bereits mit verschieden langen, farbigen Rohrsegmenten gefüllt, - es sind kleine Kunstgebilde, bunte, unernste Stellvertreter des Warenangebots. 

Solche Irritationen kehren beim Betrachten von Hepps Arbeiten allenthalben wieder. Ebenso die Momente des Wiedererkennens. Erinnert nicht EINRAD/ SPENDER an einen Halter für Kaffeefilter? Hat nicht TROMMEL/RINGDRAINAGE etwas von einer Kinderrassel? Und besitzt nicht ZWEIRÄDER/ACHSE Ähnlichkeit mit einer Garnrolle? Aber diese Assoziationen mit vertrauten Alltagsdingen werden schnell verworfen: Kaffeefilterspender, Kinderrassel und Garnrolle wären völlig überdimensioniert und sind auch nicht einfach nur durch das Maßverhält-nis verfremdet. Nichts weiter lässt sich finden, was eine Ähnlichkeit rechtfertigen würde, keine klappernden Elemente in der Rassel, kein Faden auf der Garnrolle und die vermeintliche Halterung für Kaffeefilter besetzt ein breites Rad. 

Die scheinbare Funktionalität, die Gewissheit, mit der die Arbeiten einen fraglosen Nutzen postulieren – sie ist trügerisch. Daraus erwächst eine leise Verunsicherung, die ein erneutes Betrachten erforderlich macht. Was anstelle der Nutzform in den Blick gerät ist die Wesenhaftigkeit der Dinge. SÄULENFRAG-MENT/SAUGER wirkt einerseits wie die übergroße Düse eines Staubsaugers, dann aber buckelig wie etwas Mächtig-Amorphes. Die vermeintlich ausgeklügelten Ordnungselemente der „Angebote“ sind nicht wirklich reine Zweckform: 3GRÜN/ANGEBOT streckt seine Rohre von sich wie ein zappelnder Käfer, 5BLAU/ANGEBOT spreizt geradezu übermütig seine Stelzen. Wie eine Schild-kröte duckt sich das Rad von WÜRFEL/RAD unter seinem Kubus. Oder die „SEGMENTE“: Die Kreissegmente nehmen zwar betulich eine Vielzahl kleiner Rohr-stücke, einen regalähnlichen Aufbau oder einen Einsatz auf – aber reizen sie nicht eigentlich dazu, ihre Wippen zum Schaukeln zu bringen und verlocken damit zum Spielen – dem glatten Gegenteil nützlichen Tuns? 

Die Hülle des Zweckmäßigen wird rissig und legt einen eigensinnigen, manchmal skurrilen, stets aber verspielten Charakter der Objekte offen. Heiner Hepp foppt den Betrachter, aber er tut es freundlich, mit der Aufforderung nichts so ernst zu nehmen, wie es scheint. Dies trifft auch auf die Vielzahl der mit Rädern ausgestatteten Skulpturen zu. Einem Wetzstein ähnlich steckt ein Gummireifen in EINRAD/KASTEN oder EINRAD/QUADER. Diese Arbeiten ermöglichen zwar eine Bewegung, der unmittelbare Sinn davon lässt sich jedoch nicht erschließen. Dafür gerät anderes in den Blick: Die Kombination aus einfachem, geometrischen Körper und Halbrund impliziert nicht nur die abstrakten Gegensätze von Ruhe und Bewegung, sie überzeugt zuvorderst in formaler Hinsicht. Zwei verwandte Formen sind in KREISSEGMENT/BEWEGT gegeneinander gerichtet. Ein-geschlossen durch den Bogen aus Span lässt sich das kleine Rad nicht mehr bewegen. Doch die Irritation weicht schnell angesichts der spürbaren Ausge-wogenheit der Formen. Sie macht auch alle Sprödigkeit des Materials vergessen. Wie aus dem Nichts entsteht eine Skulptur von ruhiger Schönheit. 

Dies ist kein Einzelfall. Ob 3TEILE/RINGDRAINAGE, 26ELEMENTE/KREIS-DRAINAGE oder 7ELEMENTE/BOGEN – die einstigen Nutzmaterialien werden von Heiner Hepp auf ihre skulpturalen Eigenschaften befragt. Mitunter entwirft er zunächst ein einfaches Element, das er dann ebenso seriell einsetzt, wie es den Massenartikeln Spanplatte und Leerrohr entspricht. Doch ausponderiert und im harmonischen Maßstab kombiniert, entwickeln sie eine unaufdringliche, aber nicht zu leugnende Ästhetik.

Augenzwinkernd pflanzt er in Rottweil und im Pforzheimer Forst den „Gemeinen Lichtwell", der anfangs bläulich kühl schimmert, allmählich vergilbt und schließlich eine warme, fast goldene Patina entwickelt. Je stärker die Lichtwellbahn altert, desto mehr treten die unregelmäßigen Glasfaserein-schlüsse hervor und verleihen dem Kunstgebilde einen fast organischen Charakter. Und tatsächlich verbindet es sich eng mit seiner Umgebung, lässt Samen in seinem Inneren aufgehen und Pflanzen sprießen. 

Die vermeintlich unscheinbaren Skulpturen und Objekte von Heiner Hepp treiben ein komplexes Spiel mit der Wahrnehmung des Betrachters. Sie täuschen Vertrautes vor, verweigern sich jedoch der Erwartung und offerieren stattdessen einen dinghaften Charakter oder eine Schönheit, vor der jeder Gedanke an Nutzen und Zweck obsolet wird. Ist Heiner Hepp also doch kein aufrechter Heimwerker? Ist es reine Spott- und Experimentierlust, die ihm die verschiedensten Kellen mit Spanplatten ummanteln und so zu TROPHÄEN adeln läßt, instinktiv ahnend, dass der Jäger der Urzeit längst vom Heimwerker abgelöst wurde? Ohne Hepps Nähe zum Baumarkt überzubetonen, ist sie doch von Sympathie geprägt. So wie der Heimwerker an der Nützlichkeit seines Tuns glaubt, so sägt, zimmert und schleift auch Heiner Hepp, der Maxime Lyonel Feiningers folgend, dass Kunst nicht Luxus, sondern Notwendigkeit sei. Er formt aus Massenware Skulpturen und Objekte voller Eigenheiten und offeriert damit „Angebote“ voll Hintersinn,Tiefgang und Schönheit.